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Gift
Ein mehrdeutiger Albumtitel, halb Poison, halb Geschenk. Süßes Gift, hübsch verpackt. Das passt. Gift war Pia Lunds geplantes Album, ihr zweites nach Lundaland. Dichte, geschlossene Songs mit catchy Refrains und ungewöhnlichen Texten - bilderreich, rätselhaft und kindlich-simpel zugleich. Auf diesem Gebiet ist Pia einfach groß. Da ist immer zuerst diese Süße bei Pia Lund. Diese Süße ist kein Zucker, sie kriecht aus dem Schmerz. Pia Lund verkörpert gebrochene, starke, schwache, "andere" Frauentypen. Sie spielt gern Rollen, kennt alle Façetten einer modernen, vielschichtigen Frau.
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So auch wieder auf ihrem Album Gift. Wer könnte bei diesem süß-gehauchten "Be my baby, I won't let you down" von "Arthur" schon wiederstehen? Wem bricht nicht das Herz bei dem ratlosen "Wo war die Kraft, die ihr fehlte, wo war der Wille, der sie quälte?" Was ist das für eine Frau, die fordernd "Try You Out" ankündigt um im nächsten Song sehnsüchtig "Would you please marry me" zu singen? "Auch wenn ich, positiv, optimistisch klingen will - bei mir kommt immer etwas Melancholisches heraus", sagt Pia. Nun ist Melancholie ja nichts Trübtassiges; Melancholie hat viel eher mit Reife zu tun. Tatsächlich breitet hier die "Modern Heroine" Pia Lund ein gefühls - und geistmäßiges Spektrum aus, das seinesgleichen sucht. Geschickt besetzt sie dabei Archetypen, singt über Kristall und Sommer, Himmel und Kuss. Ja, es wurde und wird viel geküsst bei Pia; das ist Erotik, nicht Sex; ein Mittel, einem Fremden zu begegnen; Neugier auf Menschen. Auch musikalisch: Neugier und Vielseitigkeit. "Propaganda" etwa, eigentlich eine Coverversion eines norwegischen Nummer 1-Hits, ist eine sommerliche Entdeckung: Pia hat es auf der einzigen Cassette gehört, die in ihrem Mietwagen im Griechenland- Urlaub lag... mit den leichten "Penny Lane"-Anklängen ein charmanter Ohrwurm. Oder "Der Himmel" mit dem catchy Refrain - dieser Song funktioniert als romantischer Radiohit ebenso wie als kleiner Elektropop-Clubswinger.
"Ann Sissy" mit der Andeutung einer Swamp-Gitarre erinnert an den schwülen Electronic Swamprock einer Danielle Dax; ja, Pia kann auch eine Sumpfhexe sein. Und kaum jemand in Deutschland hat eine solche stimmige Affinität zu Sixties-Melodien und Refrains wie Pia - zu hören in "Summer Is Over" oder "Would You Please", obwohl Pia doch mit ganz anderem Stuff pop-sozialisiert wurde, Gang Of Four etwa und dem Postpunk, den John Peel propagierte. "Ich wollte wieder mit echten Musikern spielen statt alles allein am Computer einzuspielen" - und was lag da näher, als sich an alte Weggefährten zu wenden? Und so sind neben Bassist Taif Ball und Drummer Monk aus dem Voodooclub auch der Bochumer Grafiker Dirk Rudolph, der so gut wie alle Boa-Alben designt hat, wieder am Start. Von Nostalgie oder Retro-Feeling dennoch keine Spur: Gift ist bei aller Melancholie ein sehr offenes, einladendes Album - mit einer Menge anspruchsvoller Songs!
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Gift & Galle
Wie verfährt die Plattenindustrie mit Musikern, die über Jahre gut verkauft haben und nun nicht mehr Zugpferde sind? Sägen am absteigenden Ast oder Respekt vor der Künstlerwürde? Der merkwürdige Zustand der Musikbranche am Beispiel Pia Lund, Musikerin aus Dortmund.
Von Peter Erik Hillenbach
Hartmann ruft Anfang Oktober 2000 an. Klassische Handysituation. Er so: „Stör ich?" Und ich so, über die Pizzatruhe bei Lidl gebeugt, unterm Kinn 'ne Packung Früchtemüsli und zwei, drei Dosen Grafenwalder, „Nöö, geht so." Hartmann, bürgerlich Markus Hartmann, hiesigen Lesern vielleicht noch als Musikjournalist bei Coolibri bekannt, sitzt heute bei der Plattenfirma EastWest in Hamburg und ist A&R von Pia Lund, verantwortlich also für Aufbau und Pflege störrischer Musikerwesen.
Wer's vergessen hat: Pia war Sängerin von Phillip Boa & The Voodooclub, hat in der ganzen Welt gut verkaufte Platten aufgenommen, Touren absolviert und Hallen ausverkauft, Kultstatus für Singles wie "Container Love" und "And Then She Kissed Her" inklusive. Vor zwei Jahren und nach der Trennung vom Voodooclub veröffentlichte sie ihr erstes Soloalbum "Lundaland". Die Platte samt Single "Uh Uh Yeah" erhielt wegen ihrer surreal-persönlichen Texte und dem für deutsche Solokünstlerinnen bislang unerhörten Electronic Songwriting gute Kritiken, vertiefte die Zuneigung ihrer Fans und hätte Gold gebracht, wenn sie fünfmal mehr verkauft worden wäre. Der Vertrag sah weitere Alben vor. Das ließ hoffen: die Plattenfirma wollte also Geld und Vertrauen investieren. Hartmann also. Ob ich denn das Info zu Pias neuen Album "Gift" schreiben würde. Oh, gerne, und wie ich denn zu der Ehre käme? Die Künstlerin wolle zu ihren Wurzeln zurück kehren und mit früheren Weggefährten arbeiten. Musikalisch (Bassist Taif Ball und Drummer Monk vom Voodooclub) und grafisch (natürlich der Bochumer Grafiker Dirk Rudolph, der die Cover vieler Boa-Alben designt hat), und da solle auch der Journalist mit dabei sein, der (in MARABO 6/99) ihr Solo-Debüt so psychologisierend analysiert habe. Hm. Danke.
Ich bekomme eine Pressung des neuen Albums das im Februar 2001 erscheinen soll und freue mich an den dichten, geschlossenen Songs mit ihren catchy Refrains und den bilderreichen, oft rätselhaften Texten. Kleine Sixties-Melodien, swamprockige Gitarren und immer wieder die Melancholie einer "Modern Heroine". Die Mischung aus Süße und Schmerz sind typisch für Pia; sie spielt Rollen, verkörpert gebrochene, starke, schwache, "andere" Frauentypen. Einerseits ein selbstbewusstes "I wanna try you out" auf der anderen Seite ein sehnsüchtiges "Would you please marry me". Die gute Freundin die versichert "Be my baby, I won't let you down" und die ratlose fragende Frau: "Wo war die Kraft, die ihr fehlte, wo war der Wille, der sie quälte?" Das Mainstream-Ohr in mir bleibt sofort an "Propaganda" hängen, das wird ein Knaller und an "Der Himmel" mit seinem deutschen Text, das kann ich mir als romantischen Radiohit oder als kleinen Elektropop-Clubswinger vorstellen. Beim Interview mit Pia Mitte Oktober 2000 (kein Druckfehler, ist wirklich so lange her) erzählt sie die Geschichte der Songs. "Propaganda" etwa, eigentlich eine Coverversion eines norwegischen Nummer 1-Hits (den also im Rest der Welt niemand kennt), ist eine sommerliche Entdeckung: Pia hat es auf der einzigen Cassette gehört, die in ihrem Mietwagen im Griechenland-Urlaub lag... Pia gefällt der Song, sie nimmt ihn aus Spaß auf. Die Plattenfirma entscheidet, das soll die erste Single werden und im November erscheinen. Promoexemplare werden vor der Veröffentlichung an die Sender verschickt. Anfang November mailt Pia mir: "Meine Single hat den Kampf mit den Radiostationen aufgenommen, aber sie ist ihnen zu schräg, nicht radiotauglich." Wäre die Mittdreißigerin eine 18-jährige Hupfdohle, kein Problem. Neue Gesichter zeigt man im Radio gern. Aber Pia ist allein erziehende Mutter zweier Kinder. Wer nicht zur Viva-Generation gehört, aber trotzdem zeitlos gute Musik macht, hat ein Problem. Aber sehen wir mal, was mit "Propaganda" passierte.
Die für den 20. November angekündigte Single wird nicht erscheinen. In einer Erklärung von Pia heißt es: "Ich habe die Promotion, Veröffentlichung, das Video von Propaganda nach schweren Auseinandersetzungen mit meiner Plattenfirma aus moralischen Gründen gestoppt. Die erste echte Single aus meinem Album wird Der Himmel heißen und ist einzig und allein geschrieben und komponiert von Pia Lund."
Was war geschehen? Die Plattenfirma hatte es versäumt, die erforderlichen Genehmigungen bei den Urhebern von "Propaganda" einzuholen. Das war und ist die norwegische Band Briskeby, die in der Wintersaison 2000 mit A-ha durch Deutschland tourte und ihren Norwegen-Hit zeitgleich hier veröffentlichen und zum Hit machen wollte. Da war Pia im Weg; Anwälte schalteten sich ein. Ende vom Lied: "Propaganda" von Briskeby wurde zum Radiohit, den die Sender wegen seiner Frische und Poppigkeit gern einsetzten. Keine Rede von "schräg", obwohl die Pia-Version um einiges charmanter gelungen ist. Es half nichts: das Lund-Lied musste eingestampft werden. Das schmerzte. Aber Schwamm drüber, es gibt ja noch "Der Himmel". Mit Versionen angesagter Remixer (z.B. Console) bestückt, war das Stück ein Wagnis, weil es den Songkontext verließ und auf einen wiederholten Refrain über pluggernden Elektrorhythmen vertraute. Aber seine naive Kindlichkeit rührte an und wirkte generationenübergreifend auf unbescholtene Hörer, auf Mainstream-Ohren, auf Kinder. Ende Januar 2001 sollte die Single erscheinen, das Album "Gift" nun Ende Februar. Irgendwann im Frühjahr brach dann endlich "Der Himmel" auf, doch nichts geschah. Der gezeichnete weiße Wolf im Video, gedreht von einem führenden französischen Studio, wurde von Viva ignoriert, die Radiosender spielten es nicht. Massive Promotion seitens der Plattenfirma? Nöö. Ende April lief "Der Himmel" ganz lang im Hintergrund von Marienhof, na immerhin. Vom Album aber keine Rede mehr. Smells like langsames Abwürgen.
Um es kurz zu machen: "Gift" wird vorerst nicht veröffentlicht. Als Nachhall aller Postpunk-Ideen, mit denen Pia musikalisch sozialisiert wurde (Gang of Four etwa), stellte sie daraufhin natürlich erstmal ihr komplettes Album für kurze Zeit zum Runterladen ins Netz. Mit www.pialund.de existiert ein Forum, das ein rühriger Fan namens Janus betreibt. Dort gibt es News, Fotos und Interviews sowie ein Gästebuch, in dem man das Murren der Fans nachlesen und Leute anschreiben kann, die das "Gift" verstreuen wollen. Frage an Hartmann, Mitte September 2001: Was ist denn jetzt mit "Gift"? Und Hartmann, der es als A&R wissen müsste: "Kann ich ehrlich nicht genau sagen. Wir hatten ja zwei Singles aus dem Album draußen, Propaganda (!!) (siehe oben) und Der Himmel. Das Video ist bei Viva abgelehnt worden, funkmäßig wurden beide abgelehnt, wir haben also nicht das Gefühl, dass wir mit dem Album auf einen grünen Zweig kommen." Eigentlich unglaublich.
Frage an Pia, Herbst 2001: Wie kommt man als Musikerin damit klar, wenn das Baby nicht das Licht der Welt erblicken darf? Pia, die täglich eine Stunde läuft: "Es hat viel mit meiner Disziplin zu tun, dass ich damit umgehen kann. Beim Laufen denke ich darüber nach und finde Lösungen." Irgend etwas musste veröffentlicht werden, es gab ja schließlich Verträge. Und dann kam die Idee mit den Remixen. Gar keine schlechte Idee. Aus Hartmanns Sicht: "Das entwickelte sich parallel. Wir hatten schon einige Remixe vorliegen, etwa einen Rockers HiFi-Mix von einer limitierten Vinyl-B-Seite. Das haben wir forciert mit angesagten Leuten wie Console, To Rococco Rot, Phillip Boa, Turner, Grom oder Oh, das ist dann musikalisch und inhaltlich etwas ganz anderes geworden als das eigentliche Gift. Schließlich hatten wir 70 Minuten, ein volles Album, warum sollen wir das in der Kiste liegenlassen? Und wenn das ein gutes Feedback bekommt, sollte ihr das zu denken geben."
Das klingt mehr wie eine Drohung als der ernsthafte Versuch, eine für Künstler wie Plattenfirma okaye Perspektive zu finden. Das Remix-Album "La Folie Angélique" ist in der Tat ein sehr gutes, modernes Album für fortgeschrittene Musikliebhaber - aber, sag mal, Hartmann, ihr behandelt das Thema doch - so sieht das jedenfalls von außen aus - wie ein Auslaufmodell...
Hartmann: "Das kannst du so nicht sagen. Dass sie nicht 15 Jahre jünger ist, ist für uns kein Thema." Für Pia aber doch: "Schau dir doch mal bitte die Charts an. Fünf von zehn Singles in den Top Ten sind schlechte Coverversionen von Stücken aus den späten Siebzigern oder frühen Achtzigern. Das sind alles One Hit Wonder oder Retortenprojekte. Die Plattenfirmen bauen die falschen Leute auf."
Damit bekommt die Sache eine weitere Dimension. Tatsächlich: Das rückläufige Interesse an der weltgrößten Musikmesse PopKomm, die panische Reaktion der Plattenfirmen auf die neuen Superstars Napster & The Downloaders, die katastrophal konservativen Luschen auf den Entscheiderstühlen der Radiosender - das alles trägt zur Verunsicherung und schließlich zum Stillstand der Branche bei. Die Panik steht den Plattenfirmen in den Augen geschrieben. Sie haben Angst, dass es sie in zwei Jahren nicht mehr gibt. Dass sie - wie es seit Jahren konstant in über 80% der Fälle geschieht - ihr Geld in musikalischen Mist investieren. Und dass die Kids ihr Taschengeld noch stärker als heute für Nike-Sneakers und PC-Spiele ausgeben. Alben werden als Hitkopplung wahrgenommen oder gar nicht. Wer heute 5000 CDs verkauft, kommt damit in die Charts, so sieht das aus. Für Musik, die ihre Zeit braucht: keine Chance. In einem "Streitgespräch" in der ZEIT trafen sich Mitte August 2001 Tim Renner, Chef von Universal Music, dem größten deutschen Musikkonzern, und Achim Bergemann vom kleinen Label Trikont, das sich auf ungewöhnliche Musik spezialisiert hat. Tim Renner sagte: "Die Musikindustrie hat sich über die Jahre sehr entfernt von einer Musikbezogenheit hin zu einer abstrakten Produktbezogenheit. (...) Man muss sich von dem feuchten Traum verabschieden, Trends zu erfinden." Und Achim Bergmann ergänzte: "Die Branche ist zum Vorzimmer der Börsianer geworden. Musik spielt in der Musikindustrie, die alles dominiert, nicht mehr die Rolle, die sie spielen müsste. Sie wurde einem Entwertungsprozess unterworfen, der das, was daran einmal attraktiv war, beschädigt hat." Das ist alles richtig. Und vergisst doch, dass es letztlich Menschen sind, die die Musik machen.






